Ivo Bre¹an: Bekenntnisse eines charakterlosen Menschen

Ivo Bre¹an: Bekenntnisse eines charakterlosen Menschen, Roman, 497 Seiten
Titel der kroatischen Ausgabe: Ispovijedi nekarakternog èovjeka
Verlag: Znanje, Zagreb, 1996, ISBN 953-6473-59-3

Deutsche Ausgabe: Verlagsbuchhandlung Ulrike Sulek, Köln, 1998, ISBN 3-931869-02-4

Die Charakterlosigkeit, von der im Titel des Romans die Rede ist, und die der Held des Romans, Fabricije Viskov, geboren 1918 in einem kleinen Dorf bei ©ibenik, bereits am Anfang der Geschichte sich selbst als eine Eigenschaft zuschreibt, bezieht sich natürlich nicht auf seine Verdorbenheit und Skrupellosigkeit. Die Rede ist von Fabricijes Überzeugung, der er nie entsagen wird, dass nämlich ein fester und zuverlässiger Charakter eine Fiktion sei, die der Realität niemals standhalten könne. Denn erhabene Ideale, strenge ethische Normen und Träume von einer Veränderung der Welt, und wir alle neigen dazu, an solchen Idealen festzuhalten, all das ist nach Fabricijes früher Erkenntnis nur eine bunte Mischung, die zur Täuschung der naiven Menschen bestimmt ist – jener Menschen nämlich, die noch immer daran glauben, dass auch die sinnloseste Bewegung eine Veränderung bringen könne. Mit einer solchen Lebensweisheit "ausgestattet," springt Bre¹ans Held von einem Abenteuer in das nächste und überrascht seinen Leser bei jedem dieser Sprünge aufs Neue.

Obgleich ausschließlich am eigenen Wohlergehen interessiert und völlig gleichgültig gegenüber den großen geschichtlichen Ereignissen um ihn herum, wird Fabricije immer wieder von deren Strudel erfasst. Auch er kann also der Geschichte nicht entkommen und verstrickt sich immer tiefer darin.

Fabricije Viskov ist ein unbedeutender Mensch, der große Ideen und Ideologien, die zur Verbesserung der Gesellschaft und zur Beselligung der Menschheit dienen, von denen es in dem zwanzigsten Jahrhundert nur so wimmelte, weder kennt noch anerkennt. Seine soziale Lage zwingt ihn, sich jeden Tag erneut den Herausforderungen des nackten Überlebens anzupassen, so dass aus seinem Blickwinkel die Berufung auf Ideale der Religion, der Nation oder der Klasse lediglich leeren Phrasen ähnelt. Seine reiche Erfahrung lehrt ihn sogar, dass jene, die an große Ideen blind glauben und sich fanatisch auf ihre Ideale berufen gleichzeitig bereits sind, in deren Namen sogar Verbrechen zu begehen, und die einfachen, kleinen Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung ins Unglück zu stürzen und zu vernichten. Der Autor bringt seine Träger unterschiedlicher politischen Ideen immer wieder in Lebenssituationen, in denen offenkundig wird, dass die Ideen und Ideale, die in den Köpfen oder Büchern politischer Propheten vollkommen aussehen, in wirklichem Leben zerstörerisch wirken und die Menschen ins Unglück stürzen, anstatt sie glücklich zu machen. Daraus lässt sich schließen, dass die meisten politischen Doktrinen, die wir in diesem Jahrhundert über uns ergehen lassen mussten, auf einer reduktiven Vorstellung der menschlichen Natur beruhten, und die Mehrdimensionalität der menschlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte nicht zu befriedigen vermochten.

Indem er seinen Helden durch unterschiedliche Abenteuer und Wendungen führt, schreibt Bre¹an zugleich die Geschichte eines untergegangenen Staates und macht einen Schlussstrich unter dem ausgehenden Jahrhundert. Einem Jahrhundert, das zwar einen unglaublichen technologischen Fortschritt brachte, dessen Bilanz hinsichtlich der Humanisierung der menschlichen Existenz jedoch mehr als fraglich erscheint.

Insoweit hat dieser Roman eine Sonderstellung in der kroatischen Literatur, da es keine ähnliche Beispiele gibt, dass es jemandem durch so lebhafte und mit Ereignissen derart reiche Erzählung gelungen ist, das komplexe Bild einer geschichtlichen Periode darzustellen und eine endgültige Bilanz des endenden Jahrhunderts ethisch zu bearbeiten.

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